Als Admiral Horatio Nelson 1805 bei Trafalgar die französisch-spanische Flotte besiegte, stand hinter seinem Erfolg die Royal Navy. Hinter ihr standen Werften, Häfen, Rohstoffe, Versorgungsketten und industrielle Kapazitäten.
Und hinter all dem stand etwas noch Fundamentaleres: ein Finanzsystem, das aussergewöhnliche Mengen an Kapital mobilisieren konnte. Kredit vervielfachte die Wirkung des Kapitals – Schiffe wurden gebaut, Flotten ausgerüstet und Verluste ersetzt.
Hinter Nelson stand die Navy. Hinter der Navy stand die industrielle Infrastruktur. Und hinter dieser Infrastruktur stand das Kapital.
Diese Verbindung aus Technologie, industrieller Kapazität und Finanzierung war nicht nur eine wirtschaftliche Stärke. Sie war die Grundlage britischer Macht.
Mehr als zweihundert Jahre später beobachten wir etwas, das uns strukturell daran erinnert.
Die Maschine hinter der KI-Flotte
Der Aufbau künstlicher Intelligenz begann mit Halbleitern und ist heute ein gigantischer industrieller Komplex: Speicher, optische Netze, Rechenzentren, Kraftwerke und Turbinen.
Hinter all dem steht: Kapital.
NVIDIA hat gemeinsam mit BlackRock, Blackstone, Brookfield, Apollo, Goldman Sachs und KKR angekündigt, über 500 Milliarden Dollar an Drittmitteln zu mobilisieren. Larry Fink von BlackRock sprach auf CNBC gar von Investitionen in Billionenhöhe.
Die Dimension erklärt sich nicht allein aus den kommerziellen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Für die Vereinigten Staaten ist Compute inzwischen eine strategische Ressource. Wer über die leistungsfähigsten Modelle, die grössten Rechenzentren, ausreichend Energie und die zugehörigen industriellen Lieferketten verfügt, bestimmt einen wesentlichen Teil der nächsten technologischen Ordnung.
Der Ausbau amerikanischer KI-Infrastruktur ist damit zugleich ein wirtschaftliches Projekt und ein Mittel, die technologische Führungsposition der Vereinigten Staaten – insbesondere gegenüber China – zu behaupten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, woher die ersten 500 Milliarden Dollar kommen.
Sie lautet:
Wie viel zusätzliche Investitionskapazität kann das amerikanische Finanzsystem daraus schaffen?
Wenn Compute zur Anlageklasse wird
Der erste Schritt besteht darin, Compute nicht mehr nur als CapEx einzelner Tech-Konzerne zu betrachten. Rechenzentren und AI Factories sind reale Vermögenswerte, die bei hoher Auslastung berechenbare Cashflows erzeugen, welche Fremdkapital tragen können.
Damit daraus eine echte Anlageklasse entsteht, braucht es Standardisierung. Ein Kreditgeber muss Auslastung, Lebensdauer und Restwert einschätzen können.
Hier liegt NVIDIAs eigentliche Strategie: Reference Designs, standardisierte Systeme und Flotten-Software machen aus individuell gebauten Rechenzentren vergleichbare wirtschaftliche Einheiten.
Standardisierung → Kredit → Bündelung → Verbriefung
Aus den Cashflows einzelner AI Factories könnten so handelbare Wertpapiere entstehen – AI Infrastructure ABS.
Genau deshalb sitzen Spezialisten für Private Credit, Infrastruktur und strukturierte Finanzierung mit am Tisch. Sie können aus langfristigen Verträgen und physischen Vermögenswerten investierbare Finanzprodukte schaffen und diese weltweit bei institutionellen Anlegern platzieren.
Darin liegt ein amerikanischer Vorteil, der über die führenden Halbleiter und KI-Modelle hinausgeht: Die Vereinigten Staaten verfügen über die tiefsten Kapitalmärkte der Welt und über eine Finanzindustrie, die neue Anlageklassen standardisieren, finanzieren und verteilen kann.
Der Wettbewerb mit China wird deshalb nicht allein in Forschungslaboren und Chipfabriken entschieden. Auch die Fähigkeit, Kapital schneller und in grösserem Umfang zu mobilisieren, wird Teil des KI-Rennens.
Ohio zeigt, wie die Maschine funktionieren kann
Wie diese finanzielle Architektur in der Praxis aussehen könnte, zeigt ein inzwischen bekannt gegebenes Grossprojekt in Ohio.
SB Energy wird am PORTS-Pike Technology Campus ein Rechenzentrum bauen, besitzen und betreiben. OpenAI hat sich verpflichtet, die Kapazität über einen Zeitraum von 20 Jahren zu nutzen. NVIDIA wird exklusiv den vollständigen Compute-Stack liefern – GPUs, CPUs, Netzwerktechnik und Software.
Die erste Ausbaustufe umfasst 4,25 Gigawatt an IT-Leistung. NVIDIA besitzt eine Option auf weitere 3,75 Gigawatt. Um daraus insgesamt 8 Gigawatt nutzbare Rechenleistung zu schaffen, wollen SB Energy und SoftBank mindestens 10 Gigawatt neue Stromerzeugung aufbauen und 4,2 Milliarden Dollar in das regionale Stromnetz investieren.
Der Standort selbst ist symbolträchtig. Der Campus entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen amerikanischen Urananreicherungsanlage. Wo einst die industrielle Infrastruktur des Atomzeitalters stand, soll nun eine der grössten Infrastrukturen des KI-Zeitalters entstehen.
Entscheidend ist jedoch die finanzielle Konstruktion.
NVIDIA investiert 1,5 Milliarden Dollar in SB Energy und stellt Credit Support für Land, Energieversorgung und Gebäudehülle bereit. OpenAI liefert mit seinem langfristigen Mietvertrag den erwarteten Cashflow. SB Energy besitzt und betreibt die Infrastruktur. Auf dieser Grundlage kann zusätzliches Fremdkapital aufgenommen werden.
OpenAI liefert die Nachfrage. SB Energy baut den Vermögenswert. NVIDIA stellt Technologie und Kreditwürdigkeit bereit. Der Kapitalmarkt finanziert den Ausbau.
Damit wird sichtbar, was Jensen Huang mit der Etablierung von Compute als Anlageklasse meint.
Gleichzeitig entsteht eine in den Vereinigten Staaten verankerte Verbindung aus Energie, Rechenzentren, Kapital und modernster NVIDIA-Technologie. OpenAI erhält langfristig gesicherte Rechenleistung. NVIDIA bindet einen der wichtigsten Modellanbieter exklusiv an seine Plattform. Und die USA schaffen industrielle Kapazität, die sich nicht kurzfristig in ein anderes Land verlagern lässt.
Der Erhalt amerikanischer KI-Führung wird damit in Beton, Stromleitungen und langfristige Verträge übersetzt.
NVIDIA muss die Billionen nicht selbst besitzen
Kritiker warnen vor einer Zirkularität, wenn NVIDIA Unternehmen finanziert, die anschliessend eigene GPUs kaufen. Entscheidend ist jedoch, wie viel eigenes Kapital NVIDIA einsetzt und wer das wirtschaftliche Risiko letztlich trägt.
NVIDIA finanziert den Ausbau nicht vollständig aus der eigenen Bilanz. Das Unternehmen setzt einen begrenzten Teil seines Kapitals und seiner Kreditwürdigkeit ein, um ein Vielfaches an fremdem Kapital mobilisierbar zu machen.
NVIDIA setzt seine Bilanz gezielt ein, um den gesamten Ausbau finanzierbar zu machen
Jensen Huang muss die Billionen nicht besitzen. Wenn NVIDIA-basierte Rechenleistung standardisiert und fungibel wird, sinken ihre Kapitalkosten. Banken, Private-Credit-Fonds und Infrastrukturinvestoren können einen wachsenden Teil der Finanzierung übernehmen.
Das ist mehr als klassische Absatzfinanzierung. NVIDIA sichert langfristig Land, Strom und Gebäude für die ausschliessliche Nutzung seiner eigenen Plattform. Die Rechenzentren können mit jeder neuen GPU-Generation aufgerüstet werden, während die längerlebige Infrastruktur bestehen bleibt.
Neben Technologie und Software entsteht damit ein weiterer Burggraben:
ein Finanzierungsvorteil.
Für die Vereinigten Staaten liegt darin ebenfalls ein strategischer Hebel. Amerikanische Innovation wird mit amerikanischen Kapitalmärkten verbunden. Die finanzielle Skalierbarkeit der Infrastruktur stärkt damit nicht nur NVIDIA, sondern das gesamte amerikanische KI-Ökosystem.
Der Repo-Multiplikator und die Lektion von 2002–2008
Eine Verbriefung entfaltet ihre volle Wirkung erst, wenn Wertpapiere im Repo-Markt als Sicherheiten – Collateral – akzeptiert werden. Ein Besitzer hinterlegt das Papier, beschafft sich kurzfristig Geld und setzt das Kapital erneut ein.
Finanziertes Asset → Collateral → Neue Finanzierungskapazität
Wie mächtig – und gefährlich – dieser Mechanismus sein kann, zeigten die Jahre 2002 bis 2008 mit Mortgage-Backed Securities (MBS).
Das erschaffene Kapital blieb nicht im Immobilienmarkt. Es floss als Hot Money weltweit dorthin, wo höhere Renditen lockten – in Risikoanlagen, Rohstoffe, Emerging Markets oder Carry Trades.
Das ist ein entscheidender Punkt.
Die Herkunft des Collaterals bestimmt nicht, wohin die daraus geschaffene Liquidität fliesst.
Repo-Finanzierungen müssen jedoch laufend gerollt werden. Entstehen Zweifel am Collateral, steigen die Haircuts. Kreditnehmer müssen zusätzliche Sicherheiten stellen oder Positionen abbauen.
Aus dem Liquiditätsmultiplikator kann ein Deleveraging-Multiplikator werden.
Die Fähigkeit zur Vervielfachung von Kapital ist daher zugleich Stärke und Risiko. Für die Vereinigten Staaten könnte sie den Aufbau der strategischen KI-Infrastruktur erheblich beschleunigen. Sie verlangt jedoch eine realistische Bewertung der zugrunde liegenden Vermögenswerte.
Was wäre Compute als Collateral wert?
Ein Hafen oder Kraftwerk hält über Jahrzehnte. Die Hardware in Rechenzentren altert durch neue GPU-Generationen wesentlich schneller.
Ein Kreditgeber muss deshalb Auslastung, Verträge, technologische Obsoleszenz und den Restwert nach drei bis sieben Jahren kalkulieren.
Die Ohio-Struktur trennt diese unterschiedlichen Lebensdauern bewusst voneinander. Land, Stromanschluss und Gebäudehülle bilden den langlebigen Sockel. GPUs und Netzwerktechnik können darüber in kürzeren Zyklen erneuert werden.
NVIDIA stützt damit offenbar nicht primär den Restwert einer bestimmten GPU-Generation. Das Unternehmen unterstützt die Infrastruktur, auf der immer neue Generationen von Compute installiert werden können.
Je fungibler das Gesamtsystem, desto besser lassen sich Restwerte einschätzen – und desto besser kann das Asset als Collateral funktionieren.
Ein AI Infrastructure ABS ist kein Subprime-MBS. Die Gemeinsamkeit liegt im Mechanismus, nicht in der Qualität der zugrunde liegenden Vermögenswerte.
Die entstehende Anlageklasse wäre vermutlich auch kein reines «GPU-ABS». Sie würde auf einer Verbindung aus langfristigem Nutzungsvertrag, Energieinfrastruktur, Gebäude und regelmässig erneuertem Compute beruhen.
Sollte sich dieser Mechanismus durchsetzen, entscheidet künftig nicht mehr allein die Tech-Nachfrage über das Ausbautempo.
Auch der Preis des Kapitals entscheidet.
Wenn Kapital billiger wird
Hier könnte die eigentliche makroökonomische und geopolitische Bedeutung liegen.
Wenn standardisierte Compute-Infrastruktur kreditfähig wird, Kredite gebündelt und verbrieft werden und diese Wertpapiere wiederum als Collateral dienen können, entsteht aus einem gegebenen Kapitalstock zusätzliche Finanzierungskapazität.
Das kann den effektiven Preis des Kapitals senken.
Niedrigere Kapitalkosten bedeuten, dass die Vereinigten Staaten schneller mehr Rechenleistung, Energieversorgung und Netzinfrastruktur errichten können. Im technologischen Wettbewerb wird damit aus der Tiefe der amerikanischen Kapitalmärkte ein industrieller Geschwindigkeitsvorteil.
Die Wirkung reicht weit über den ursprünglichen KI-Infrastrukturzyklus hinaus. Investitionen, die bei höheren Finanzierungskosten unwirtschaftlich erscheinen, können plötzlich rentabel werden. Unternehmen können mehr investieren, Cashflows wachsen – und Bewertungen erhalten Unterstützung.
Auch hier liefert die Zeit vor der Finanzkrise eine interessante Parallele. Die Liquidität, die damals auf Immobilienkrediten und deren Verbriefung aufbaute, blieb nicht im amerikanischen Immobilienmarkt. Sie suchte weltweit nach Rendite.
Sollte rund um Compute tatsächlich eine neue, grosse Collateral- und Finanzierungsarchitektur entstehen, wäre deshalb eine der interessantesten Fragen:
Wohin fliesst das Kapital, nachdem es geschaffen wurde?
Die Antwort könnte weit über NVIDIA, Rechenzentren und selbst die Vereinigten Staaten hinausreichen.
Cui bono? Eine zweite Wertschöpfungskette
Parallel zur industriellen KI-Kette – Halbleiter, Speicher, Netze, Energie und Rechenzentren – könnte eine finanzielle Wertschöpfungskette entstehen.
Banken verdienen an Finanzierung und Strukturierung. Private-Credit-Fonds stellen Kapital bereit. Sponsoren organisieren Projekte. Ratingagenturen bewerten Kreditrisiken. Asset Manager verteilen die daraus entstehenden Wertpapiere an Investoren.
Je grösser der Kreditmarkt wird, desto grösser wird auch der Bedarf, Zins-, Kredit- und andere Risiken abzusichern.
Damit könnte rund um Compute-Infrastruktur mit der Zeit auch ein neuer Markt für Derivate und Risikotransfer entstehen.
Die Finanzindustrie würde damit nicht nur den Aufbau der KI-Infrastruktur finanzieren.
Sie würde an der Finanzierung, Verbriefung, Verteilung und Absicherung dieses Kapitals verdienen.
Auch das ist Teil des amerikanischen Vorteils. Die USA beherbergen nicht nur viele der führenden Technologieunternehmen. Sie verfügen zugleich über jene Banken, Asset Manager, Private-Credit-Spezialisten und Kapitalmärkte, die den industriellen Ausbau finanzieren und das Risiko weltweit verteilen können.
Technologische und finanzielle Hegemonie beginnen sich gegenseitig zu verstärken.
500 Milliarden sind offenbar nicht genug
Ob diese Entwicklung tatsächlich bis zu Verbriefung, Repo-Finanzierung und einem liquiden Sekundärmarkt führt, ist heute offen.
Auch ob dies der langfristige Plan hinter der bemerkenswerten Runde aus NVIDIA, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Apollo, Goldman Sachs und KKR ist, wissen wir nicht.
Was wir wissen, ist, dass diese Institutionen über genau jene Fähigkeiten verfügen, die notwendig wären, um aus einem industriellen Investitionszyklus eine finanzierbare Anlageklasse zu machen.
Und wir sehen inzwischen, wie ein erstes konkretes Modell dafür aussieht: OpenAI verpflichtet sich langfristig zur Nutzung, SB Energy baut und besitzt die Infrastruktur, NVIDIA liefert Technologie und begrenzte Kreditunterstützung, und der Kapitalmarkt finanziert den Ausbau.
Damit erscheinen die angekündigten 500 Milliarden Dollar in einem anderen Licht.
Sie wären dann nicht das Endvolumen.
Sie wären das Fundament.
So wie hinter Nelsons Flotte nicht nur Schiffe standen, sondern Werften, Rohstoffe, Versorgungsketten und letztlich ein Finanzsystem, das all dies möglich machte, könnte auch hinter der entstehenden amerikanischen KI-Infrastruktur eine zweite Maschine wachsen:
eine Maschine zur Mobilisierung und Vervielfachung von Kapital.
Diese Maschine soll eine neue Industrie finanzieren und zugleich dafür sorgen, dass die technologische Führung, die industrielle Kapazität und die entscheidende Rechenleistung der nächsten Epoche in den Vereinigten Staaten verankert bleiben.
Die vielleicht wichtigste Frage lautet deshalb nicht mehr, ob 500 Milliarden Dollar genug sind.
Sondern was das amerikanische Finanzsystem aus diesen 500 Milliarden machen kann.